
Dyslexie – oft auch als Legasthenie bezeichnet – betrifft weltweit Millionen Menschen. Sie ist keine Frage der Intelligenz, sondern eine neurobiologische Besonderheit, die das Lesen und Schreiben erschwert. In einer zunehmend textbasierten Welt kann das zu erheblichen Herausforderungen führen. Genau hier setzt OpenDyslexic an: eine speziell entwickelte Schriftart, die das Lesen für Betroffene erleichtern soll.
Doch wie funktioniert das eigentlich? Und was sagt die Forschung dazu? Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, Vorteile, Grenzen und Einsatzmöglichkeiten von OpenDyslexic.
Was ist OpenDyslexic?
OpenDyslexic ist eine kostenlose, quelloffene Schriftart, die 2011 von Abelardo Gonzalez entwickelt wurde. Ihr Ziel ist es, typische Schwierigkeiten beim Lesen – wie Buchstabenverwechslungen oder das „Verschwimmen“ von Zeilen – zu reduzieren.
Die Schriftart ist heute in vielen digitalen Anwendungen verfügbar, darunter:
- E‑Book‑Reader
- Browser‑Erweiterungen
- Lernplattformen
- Betriebssysteme und Apps
Ihr offener Lizenzansatz ermöglicht es Entwicklern, sie frei zu integrieren – ein wichtiger Schritt für barrierefreie digitale Inhalte.
Wie unterstützt OpenDyslexic?
Die Gestaltung der Schrift basiert auf typischen Wahrnehmungsproblemen, die bei Dyslexie auftreten. OpenDyslexic versucht, diese durch gezielte Designentscheidungen abzufedern.
1. Verstärkte Unterlängen (schwere Basen)
Die Buchstaben haben unten eine optisch „schwere“ Basis.
Ziel: Buchstaben sollen stabiler wirken und weniger „kippen“ oder „rotieren“.
2. Größere Unterscheidbarkeit der Zeichen
Viele Buchstabenpaare sehen in klassischen Schriften sehr ähnlich aus, z. B.:
- b / d
- p / q
- n / h
OpenDyslexic vergrößert die Unterschiede bewusst, um Verwechslungen zu reduzieren.
3. Großzügige Abstände
Die Schrift nutzt:
- größere Buchstabenabstände
- mehr Zeilenhöhe
- klarere Worttrennung
Ziel: Das Auge soll leichter in der Zeile bleiben und weniger „springen“.
4. Einheitliche, ruhige Linienführung
Die Schrift wirkt insgesamt ruhiger und weniger dekorativ.
Ziel: Ablenkungen minimieren, Fokus erhöhen.
Was sagt die Forschung?
Die wissenschaftliche Lage ist differenziert – und das ist wichtig zu verstehen.
Positive Erkenntnisse
Einige Studien und Erfahrungsberichte zeigen:
- Nutzer*innen empfinden OpenDyslexic als angenehmer zu lesen.
- Die erhöhte Unterscheidbarkeit kann subjektiv Sicherheit geben.
- Die Schrift kann das Leseerlebnis emotional entlasten – ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Einschränkungen
Andere Untersuchungen kommen zu dem Schluss:
- Die Lesegeschwindigkeit verbessert sich nicht zwingend.
- Klassische Schriften wie Arial, Verdana oder Helvetica schneiden teilweise ähnlich gut ab.
- Der Effekt ist stark individuell – was einer Person hilft, hilft einer anderen vielleicht nicht.
Fazit der Forschung:
OpenDyslexic ist kein Wundermittel, aber ein wertvolles Werkzeug, das vielen Menschen hilft – besonders in Kombination mit weiteren Unterstützungsmaßnahmen.
Warum subjektive Wahrnehmung so wichtig ist
Dyslexie ist keine einheitliche Störung, sondern ein Spektrum.
Das bedeutet:
- Was für eine Person funktioniert, kann für eine andere irrelevant sein.
- Schriftarten sind nur ein Baustein im Gesamtpaket der Unterstützung.
- Motivation, Selbstvertrauen und Lesekomfort spielen eine große Rolle.
Viele Betroffene berichten, dass OpenDyslexic ihnen ein Gefühl von Kontrolle gibt – und allein das kann das Lesen erleichtern.
Einsatzmöglichkeiten im Alltag
OpenDyslexic lässt sich in vielen Bereichen nutzen:
1. Digitale Texte
- Browser‑Plugins (z. B. für Chrome, Firefox)
- E‑Book‑Reader wie Kobo oder Kindle (über sideloading)
- Lernplattformen und Schulsoftware
2. Dokumente und Präsentationen
- Word, LibreOffice, Google Docs
- PowerPoint oder Keynote
- Arbeitsblätter für Schule oder Nachhilfe
3. Webseiten
Entwickler können OpenDyslexic einfach über CSS einbinden.
Das verbessert Barrierefreiheit und zeigt Inklusionsbewusstsein.
4. Apps und Benutzeroberflächen
Viele Apps bieten inzwischen eigene „Dyslexie‑Modi“, oft mit OpenDyslexic als Option.
Vorteile von OpenDyslexic
| Vorteil | Beschreibung |
|---|---|
| Kostenlos & Open Source | Keine Lizenzkosten, frei nutzbar. |
| Barrierefreiheit | Unterstützt inklusives Design. |
| Subjektiv angenehmes Lesen | Viele Betroffene berichten von Erleichterung. |
| Einfache Integration | In vielen Tools und Plattformen verfügbar. |
| Hohe Unterscheidbarkeit | Reduziert typische Buchstabenverwechslungen. |
Grenzen und Kritikpunkte
| Kritikpunkt | Erklärung |
|---|---|
| Nicht für alle hilfreich | Dyslexie ist individuell – nicht jeder profitiert |
| Ästhetik | Manche empfinden die Schrift als „ungewohnt“ oder „schwer“. |
| Keine garantierte Leistungssteigerung | Studien zeigen gemischte Ergebnisse. |
| Lesegeschwindigkeit | Wird nicht immer verbessert. |
Wie man OpenDyslexic sinnvoll einsetzt
- Nicht erzwingen – immer als Option anbieten.
- Mit anderen Maßnahmen kombinieren, z. B.:
- Text‑to‑Speech
- Zeilenlineale
- farbliche Hintergründe
- klare Strukturierung
- Testen lassen – Betroffene sollten selbst entscheiden.
- Kontext beachten – für lange Texte kann sie hilfreich sein, für kurze UI‑Elemente vielleicht weniger.
Zusammenfassend
OpenDyslexic ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Design Barrieren abbauen kann. Die Schriftart bietet vielen Menschen mit Dyslexie spürbare Erleichterung, auch wenn die wissenschaftlichen Ergebnisse nicht eindeutig sind. Entscheidend ist die individuelle Erfahrung: Wenn OpenDyslexic das Lesen angenehmer macht, ist sie ein Gewinn.
In einer inklusiven digitalen Welt sollte sie daher als Option selbstverständlich verfügbar sein – nicht als Pflicht, sondern als Möglichkeit, Menschen mit Dyslexie ein Stück mehr Selbstbestimmung zu geben.





